Textilindustrie in Ratingen – Textilfabrik Cromford – intercontact lokal (Teil 4)

Fassade der Textilfabrik Cromford

In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die Textilgeschichte von Ratingen – ein Ort, der für seine Modegeschäfte und Fabrikverkäufe wie z.B. die Outlets von Esprit, s.Oliver, Benetton oder das Keramikscheune Outlet bekannt ist. Gleichzeitig ist Ratingen der Unternehmenshauptsitz des Modekonzerns Esprit.

Die Stadt Ratingen spielt eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Textilindustrie. Marian Verstraaten, Teamleiterin und Senior-Übersetzerin bei intercontact translations wollte mehr über die Ratinger Textilgeschichte erfahren und nahm an einer Maschinenführung von Frau Zaunick in der Ratinger Textilfabrik Cromford des LVR-Industriemuseums teil – einst eine vollmechanische Baumwollspinnerei.

Frau Zaunick erzählte leidenschaftlich über die Gründung der Fabrik. Sie zeigte auch, wie die Menschen damals arbeiteten. Wie genau wurde Baumwolle gesponnen? Und aus welchen Abläufen bestand der Produktionsprozess damals? Die Besucher waren gespannt auf die Einzelheiten.

 

Textilfabrik Cromford – Erste vollmechanische Baumwollspinnerei auf dem europäischen Kontinent!

Baumwollspinnerei im LVR-Museum RatingenFrau Zaunick begann ihre Geschichte mit dem Jahr 1783/1784 – das Jahr, in dem die Textilfabrik Cromford von Johann Gottfried Brügelmann – einem echten Textilhändler – gegründet wurde. Inspiration für Brügelmann und seinen Freund Carl Albrecht Delius war die Spinnerei von Richard Arkwright im englischen Cromford. Arkwright war ein echter Industriepionier. Er hatte die sogenannte Waterframe und die Vorspinnmaschinen entwickelt. Was daran so Besonderes war? Die neuen Spinnmaschinen ermöglichten eine komplett mechanische Garnverarbeitung. Überdies wurde die Baumwollspinnerei von Arkwright mit Wasserkraft betrieben. Auch das war damals etwas ganz Besonderes. Es besteht kein Zweifel, dass England und Arkwright sehr wichtig für die Industrialisierung in der Textilindustrie gewesen sind.

Brügelmann wollte eine Fabrik wie Arkwright in Deutschland errichten – natürlich mit den gleichen Maschinen. Sein Traum wurde wahr! Die Fabrik wurde nach seinem englischen Gegenstück benannt und erhielt den Namen Textilfabrik Cromford. Der Name Cromford stand für Qualität und Brügelmann profitierte davon. Er gründete seine Fabrik in Ratingen. Eine strategische Entscheidung, da es in der ärmeren Stadt Ratingen leichter war, Arbeitskräfte zu finden. Außerdem floss der Angelbach durch Ratingen. Dieser Fluss war wichtig für den Antrieb der Maschinen. Die Textilfabrik Cromford war die erste vollmechanische Baumwollspinnerei auf dem europäischen Kontinent!

Der Herstellungsprozess von Baumwollgarn

Für den Spinnprozess war der Rohstoff Baumwolle erforderlich. Baumwolle ist eine tropische Pflanze, die damals aus Südamerika importiert wurde. Frau Zaunick zeigte den Besuchern eine Baumwollpflanze mit unreifen Fruchtkapseln. Wenn die Fruchtkapseln der Baumwollpflanze reifen, platzen sie auf und es wird Pappelflaum freigesetzt. Zaunick ließ einen Baumwollzweig mit Pappelflaum herumgehen, so dass ihn jeder der Besucher für einen Moment bewundern konnte. Der Pappelflaum war wunderbar weich und fühlte sich ein wenig wie Wattetupfer an. Baumwolle wird aus dem gepflückten Pappelflaum hergestellt.

Dong! Frau Zaunick läutete eine große Glocke. Was das in der Vergangenheit bedeutete? Der Beginn des Arbeitstages. Als die Glocke läutete, musste jeder an seiner Maschine stehen. Es war bemerkenswert, dass zu dieser Zeit viele Kinder in der Fabrik arbeiteten. Oft standen 2 oder 3 Kinder an einer Maschine. Die Männer hatten die schwierigsten Aufgaben. Sie mussten zum Beispiel schwere Baumwollballen aufbrechen. Auch waren sie mit der Aufsicht beauftragt. Die Fabrikarbeiter wurden bezahlt, aber vor allem die Kinder verdienten sehr wenig. Die Fabrikarbeiter arbeiteten 6 Tage die Woche, 14 Stunden am Tag – davon nur 2 Stunden Pause pro Tag. Arbeitsrecht und Pflichtschulbildung gab es noch nicht. In der Fabrik gab es früher sehr viel Staub. Dieser Staub wurde eingeatmet! Die Arbeitsbedingungen waren sehr schwierig. Kein Wunder, dass die Arbeiter in der Regel nur 18 bis 25 Jahre alt wurden.

Frau Zaunick erläuterte den gesamten Produktionsprozess sehr ausführlich. Von Entkernen und Lockern des Baumwollflaums bis Grob- und Feinkardieren, Doublieren, Strecken und Aufspulen. Das Vorgarn, das auf diese Weise hergestellt wurde, war nicht sehr fest. Aus diesem Vorgarn wurde ein grobes, starkes Garn mit Hilfe einer Maschine namens Waterframe hergestellt.

Nach der informativen Führung bestand die Gelegenheit, das Herrenhaus von Brügelmann zu besichtigen. Beim Anblick seines Hauses wurde schnell klar, dass der Unternehmer mit der Textilfabrik gutes Geld verdient hatte.

Die Textilproduktion aus der Sicht des Mode-Übersetzers

Marian Verstraaten knüpft kurz an die tägliche Praxis eines Fashion-Übersetzers an: „Baumwollgarn ist auch heute noch sehr beliebt und bekannt für seine guten Eigenschaften wie Weichheit und Atmungsaktivität. Aktuell habe ich beim Übersetzen und Schreiben, immer mehr mit Mode aus Bio-Baumwolle zu tun. Die Menschen kaufen bewusster und haben mehr Respekt vor Mensch und Umwelt. In der Zeit Brügelmanns spielte dieses Thema noch keine Rolle. Damals war Kinderarbeit etwas ganz Normales. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert!“

In unserem nächsten Artikel werden wir die Mode- und Textilindustrie eines anderen Ortes in Nordrhein-Westfalen betrachten. Behalten Sie unsere Website im Auge!