Gendern – ein Muss für die Gleichberechtigung aller Geschlechter?

Würfel mit verschiedenen Geschlechtern auf Tastatur

Im Sinne der Einschätzung, dass Sprache nicht nur Realität spiegelt, sondern sie auch schafft, hat die Debatte über gendergerechtes Schreiben in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen.

Die Verfechter fordern die Beseitigung von sprachlicher Diskriminierung. Frauen seien durch den Aufbau der deutschen Sprache, in der häufig die maskuline Wortform (generisches Maskulinum), wie Arzt für die Beschreibung von Ärztinnen und Ärzten, verwendet wird, nicht explizit mit gemeint.

Dem konträr gegenüber steht die Argumentation, das generische Maskulinum sei geschlechtsneutral bzw. der grammatische Genus habe nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Denn im Deutschen wird häufig unabhängig vom biologischen Geschlecht die verallgemeinernde (=generische) maskuline Wortform verwendet. Damit seien alle Geschlechter gleichermaßen gemeint.

 

Das Problem identifizieren

Eines Tages fährt ein Vater seinen Sohn mit dem Auto zu einem Fußballspiel. Doch auf der Autobahn kommt es zu einer schlimmen Massenkarambolage, der Vater ist sofort tot. Der Sohn wird vom Unfallort mit dem Rettungshubschrauber in die nächstliegende Klinik geflogen und muss dort sogleich operiert werden. Er wird in den Operationssaal geschoben, in dem bereits die Chirurgen die Notoperation vorbereiten. Als sie sich jedoch über den Jungen auf dem Operationstisch beugen, wird jemand aus dem Team kreidebleich und sagt mit erschrockener Stimme: »Ich kann ihn nicht operieren – das ist mein Sohn!«“ (Correctura 2022)

Welches Verwandtschaftsverhältnis besteht zwischen dem kreidebleichen Chirurg und dem Jungen? Wie ist es möglich, dass der Vater im OP-Saal steht, wenn er an der Unfallstelle verstorben ist? Handelt es sich um eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft mit zwei Vätern?

Die Tatsache, dass es sich hier um die Mutter des Jungen handelt zeigt, welche Problematik davon ausgeht. Tendenziell denken wir bei Chirurgen eher an einen Mann. Das unterstützt die Argumentation, dass die generisch maskuline Wortform offiziell zwar alle Geschlechter einschließt, jedoch nicht alle Geschlechter beim Hören und Lesen explizit mitgedacht werden.

Welche Möglichkeiten gibt es also, um dieses Problem zu überwinden? Und ist es heutzutage wirklich für jeden und jede geboten zu gendern? Welche Arten des Genderns gibt es überhaupt? Und welche Vor- und Nachteile bringen diese mit sich?

In diesem Blogpost möchten wir den oben genannten Fragen nachgehen und festhalten, für welche Policy sich intercontact - als internationaler Sprachdienstleister - entschieden hat.

 

Varianten geschlechtergerechter Sprache

Um explizit beide Geschlechter zu adressieren, wurden verschiedene Vorschläge zur gendergerechten Sprache gemacht. Diese lassen sich in einige Kategorien unterteilen:

  1. Nennung beider Geschlechter (Lehrerinnen und Lehrer, Lehrer/-innen, Lehrer(innen))

  1. Veränderung der Orthografie z.B. durch Binnengroßschreibung (LehrerInnen)

  1. Nichtwort-Zeichen: beispielsweise Gendersternchen (Lehrer*innen), Gendergap (Lehrer_innen) oder Interpunktion (Lehrer:innen, Lehrer.innen)

  1. Neutralisierung: Vermeidung der Nennung eines Geschlechts wie Partizipialformen (Lehrende) oder neutrale Morpheme (Lehrerschaft oder Lehrkraft)

  1. Und zuletzt noch die Änderung am Wortbaumaterial: hier wird z.B. aus Professoren und Professorinnen „Professx“

 

Vor- und Nachteile geschlechtergerechter Sprache

Die explizite Nennung beider Geschlechter trägt dazu bei, dass beide Geschlechter nicht nur mit gemeint sondern auch mit gedacht werden. Dieser Vorteil verbindet alle der aufgeführten Varianten: Sie leisten einen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit, da Lesende und Hörende nicht umhin kommen, an beide Geschlechter zu denken – anders als beim generischen Maskulinum.

Andererseits erwachsen aus den genannten Variationen der geschlechtergerechten Wortwahl einige Probleme und Herausforderungen: Während die Doppelnennung lediglich die Lesbarkeit von Texten erschwert, bringen alle anderen Varianten deutlich schwerwiegendere orthografische und grammatikalische Probleme mit sich.

Bei der Verwendung von Gender-Sternchen kann es dazu kommen, dass die maskuline oder feminine Form ungrammatisch wird. Beispielsweise bei den Wörtern Bauer*in (falsche feminine Form Bauerin), Kolleg*in (unvollständige und falsche maskuline Form Kolleg) oder Ärzt*in (falsche maskuline Form Ärzt). Ähnliche Probleme haben die Varianten mit Klammern, Doppelpunkt, Unterstich und Binnengroßschreibung.

Problematisch wird es bei diesen Varianten vor allem, wenn einem Substantiv ein Artikel, ein Possessivpronomen oder ein Adjektiv zugeordnet wird:

Ein*e unmotivierte*r Schüler*in geht mit seinen/ihren Eltern zur Schule.

Das Beispiel verdeutlicht, dass Verständlichkeit, Lesbarkeit und Vorlesbarkeit mit dem Gendersternchen zu echten Herausforderungen werden können. Auch ist unklar, wie die Wörter mit Gendersternchen ausgesprochen werden. Nur die weibliche Form auszusprechen (Lehrerinnen) kann nicht als geschlechtergerecht angesehen werden. Eine Sprechpause zwischen der maskulinen Form und dem Sternchen einzulegen entspricht nicht den Aussprachenormen und kann daher insbesondere bei Sprachlernenden zu Verwirrungen führen: Die Lehrer*innen (vs. außen).

Häufig werden die unter Punkt 4. genannten Partizipialformen (Studierende) oder Morpheme (Lehrerschaft) verwendet, um die Nennung eines konkreten Geschlechts zu vermeiden. Morpheme sind eine gute Lösung, allerdings nur begrenzt vorhanden. Es gibt nicht für jedes Substantiv ein entsprechendes geschlechtsneutrales Morphem. Anders sieht es bei den Partizipialformen aus, da diese inhaltlich nicht immer korrekt sind: Studierende, die in den Semesterferien am Surfen sind, sind eben nicht am Studieren, sondern surfende Studenten und Studentinnen im Urlaub. Autofahrende auf der Raststätte sind keine Autofahrenden, sondern Autofahrer und Autofahrerinnen, die eine Pause auf der Raststätte machen.

Ebenfalls nicht zu verachten ist der Kritikpunkt, dass sich durch die explizite Nennung beider Geschlechter Personen, die sich den binären Geschlechtern nicht zuordnen, ausgegrenzt und nicht angesprochen fühlen. Wenn man also bei der Ansprache von Personen immer explizit das biologische Geschlecht mit erwähnt, könnten sich beispielsweise Transgender-Personen ausgeschlossen fühlen. Darüber hinaus wird das biologische Geschlecht stark in den Fokus gerückt, was dem Ziel der Gleichbehandlung und Gleichberechtigung sogar entgegenwirken kann.

Wenn Sie sich vertieft mit den Vor- und Nachteilen der einzelnen Gendervarianten beschäftigen möchten, können wir ihnen diese Seite der Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. empfehlen.

 

Einschätzung des Rats für deutsche Rechtschreibung

Generell haben die meisten Varianten gendergerechter Sprache das Problem, orthografisch und grammatikalisch nicht konsistent zu sein. Außer Doppelnennungen und Ersatzformen können keine der Varianten widerspruchslos umgesetzt werden, was erhebliche Probleme beim täglichen Sprachgebrauch und insbesondere für Sprachlernende mit sich bringt. Einheitliche und konsistente Sprachregeln sind eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren von Sprache. Damit Sprache ihren Anforderungen gerecht werden kann, gleichzeitig aber auch geschlechtergerechter wird, hat der Rat für deutsche Rechtschreibung sieben Kriterien zusammengestellt, an denen neue Gendervarianten bemessen werden sollten:

  1. (Grammatische) Korrektheit

  2. Verständlichkeit und Lesbarkeit

  3. Vorlesbarkeit

  4. Rechtssicherheit und Eindeutigkeit

  5. Übertragbarkeit auf andere deutschsprachige Länder

  6. Möglichkeit der Konzentration auf wesentliche Sachverhalte und Kerninformationen

  7. Erlernbarkeit der deutschen Sprache darf nicht erschwert sein

Diese Kriterien erleichtern den Suchprozess nach sinnvollen Sprachalternativen. Da wir uns noch im Suchprozess befinden und keine abschließend konsistente Variante zur Verfügung haben, hält der Rat folgendes fest:

Der Rat für deutsche Rechtschreibung  „[…] hat vor diesem Hintergrund die Aufnahme von Asterisk („Gender-Stern“), Unterstrich („Gender-Gap“), Doppelpunkt oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen.“

 

Alternativen zum klassischen Gendern

Der Mensch. Denken Sie hier an einen weiblichen oder einen männlichen Menschen?

Die Leiche. Denken Sie hier an eine weibliche oder eine männliche Leiche?

Wahrscheinlich denken Sie nicht direkt an ein Geschlecht. Das Geschlecht scheint bei diesen Substantiven sekundär oder sogar neutral zu sein, obwohl „der Mensch“ einen maskulinen und „die Leiche“ einen femininen Genus besitzt.

Mit diesem Beispiel soll keinesfalls veranschaulicht werden, dass Genus und Sexus in der Realität keinerlei Wechselwirkung haben. Denn das Beispiel mit den Chirurgen zeigt eindrücklich: Wir denken sehr wohl teilweise ausschließlich die männliche Form, obwohl beide gemeint sein können.

Die eher geschlechtsneutralen Assoziationen mit den Substantiven „Mensch“ und „Leiche“ zeigen, dass der Genus und das biologische Geschlecht nicht zwangsläufig miteinander verknüpft werden. Eine alternative Lösung zum Gendern wäre, gesamtgesellschaftlich daran zu arbeiten, das generische Geschlecht eines Substantivs nicht mit dem biologischen Geschlecht zu assoziieren. Möchten wir nämlich wirklich geschlechtsneutrale Sprache in diesem Sinne verwenden, dass alle möglichen Geschlechter gemeint sind, müssen wir Ersatzformen und vom biologischen Geschlecht unabhängige Formulierungen finden.

Auf dem Weg hin zur geschlechtergerechten Sprache – auf dem wir uns momentan befinden – gibt es viele verschiedene Ansätze. Wir befinden uns in einem Such- und Entwicklungsprozess für das beste Mittel zum Zweck. Der Zweck ist allen klar, nämlich geschlechtergerechte Sprache. Aber über das Mittel der Wahl, um zu diesem Ziel zu gelangen, wird heiß diskutiert. Das letzte Wort ist keinesfalls gesprochen. Wir als Sprachdienstleister finden es daher enorm wichtig, im Sinne der Diversitätskultur allen Ideen und Varianten Gehör zu verschaffen und diese zu diskutieren.

Gemäß der Einschätzung vom Rat der deutschen Rechtschreibung, dass „allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll und sie sensibel angesprochen werden sollen“, halten wir das Thema der sprachlichen Gleichberechtigung für sehr wichtig. Doch wie der Rat festhält, ist dies „[…] eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann“ (ebd.).

In jedem Fall braucht es einen bewussten Umgang mit dem generischen Maskulinum und mehr Aufmerksamkeit, um das Problem der Geschlechterungerechtigkeit in der Sprache zu adressieren. Allein die Änderung orthografischer Regeln und der Rechtschreibung wird das Problem nicht lösen. Ob man nun nach eingehender Auseinandersetzung mit dem Thema zu dem Schluss kommt, das generische Maskulinum unabhängig vom biologischen Geschlecht zu verwenden oder orthografische und grammatikalische Probleme in Kauf nimmt, um die Geschlechter explizit anzusprechen, halten wir gleichermaßen für begründbar. Wichtig ist, dass es nicht die Eine richtige Variante gibt und die Variante der Wahl begründet wird.

 

Die respektvolle Ansprache aller Menschen – intercontact positioniert sich

Solange es keine orthografisch und grammatikalisch konsistenten Regeln für das Gendern gibt, vermerken wir in Form eines Disclaimers, dass mit dem generischen Maskulinum explizit alle Geschlechter gemeint sind. Dieser Disclaimer soll den Lesenden direkt zu Beginn eines Textbeitrages klar machen, dass niemand ausgeschlossen wird.

  1. Aus Gründen der Konsistenz, Lesbarkeit und Korrektheit verwenden wir bei der internen und externen Kommunikation und bei Unternehmensveröffentlichungen auf allen Plattformen größtenteils das generische Maskulinum.
  2. Zusätzlich möchten wir uns an der Empfehlung der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) orientieren, Doppelnennungen, Schrägstrichlösungen und Ersatzformen zu verwenden. Diese Varianten werden insbesondere bei Titeln, Zwischenüberschriften und Social Media Posts eingesetzt, damit Lesende auch während des Lesens nicht vergessen, dass alle Geschlechter gemeint sind.

Alle Mitarbeitenden im Übersetzungsbüro intercontact sind herzlich dazu eingeladen, Doppelnennungen, Ersatzformen oder Schrägstrichlösungen zu verwenden. Verpflichtend ist dies allerdings nicht.

Die Beseitigung von sprachlicher Diskriminierung ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geschieht. Sprache befindet sich ständig im Wandel. Sprechende müssen sich ihrer Wortwahl und der Ansprache von verschiedenen Geschlechtern bewusst werden. Das funktioniert durch Einsicht und Überzeugung jedes Einzelnen von innen heraus. Im Fokus der ganzen Debatte steht immer die sensible, verständliche und zugleich respektvolle Ansprache von anderen Menschen. Als Sprachdienstleister ist uns das ein besonderes Anliegen.

 

Quellen:

Correctura, Gendern: Hinweise zur geschlechtergerechten Sprache, URL:   https://www.correctura.com/wissen/sprache/gendern/index.aspx [letzter Zugriff: 02.03.2022]

Gesellschaft für deutsche Sprache e.V., Leitlinien der GfdS zu den Möglichkeiten des Genderings, URL: https://gfds.de/standpunkt-der-gfds-zu-einer-geschlechtergerechten-sprache/ [letzter Zugriff: 02.03.2022]

Gesellschaft für deutsche Sprache e.V., … Gendersternchen. Die Position der GfdS zur Verwendung des Gendersternchens, URL: https://gfds.de/gendersternchen/ [letzter Zugriff: 02.03.2022]

Rat für deutsche Rechtschreibung, Geschlechtergerechte Schreibung: Empfehlungen vom 26.03.2021, URL: https://www.rechtschreibrat.com/DOX/rfdr_PM_2021-03-26_Geschlechtergerechte_Schreibung.pdf [letzter Zugriff: 02.03.2022]